#1 Apple von computer11 06.10.2011 10:16

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1. Teil: Das Ende des Appsolutismus

Rüde Geschäftsmethoden: Apple, die erfolgreichste Firma der vergangenen Jahre, hat offenbar ihren Zenit überschritten.

Hamburg - Es war Herbst, als Joel Podolny verschwand. Am 1. November 2008 legte der Dekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Yale University überraschend seinen Posten nieder. Seitdem: keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen mehr, keine Kongressauftritte, keine Interviews.

Podolny war in den Orden des Apfels eingetreten. Zunächst hieß es, der Spitzenforscher solle eine Apple University aufbauen, eine interne Fortbildungsstätte des Computerkonzerns. Inzwischen findet Podolny sich im Apple-Organigramm als Vice President Human Resources wieder.
Doch seine wahre Aufgabe, berichten Insider, sei die eines Evangelisten: Gemeinsam mit einem Team weiterer Wissenschaftler fasst Podolny das geschäftliche Vermächtnis des schwer kranken Gründers Steve Jobs (56) in einer Serie von Fallstudien zusammen: warum Jobs die gesamte Fertigung des iPhones an einen einzigen Hersteller in China vergab. Wie Jobs beschloss, eigene Apple-Stores zu eröffnen - und was die Nachwelt daraus lernen kann. Gleichnis für Gleichnis entstehe da ein gewaltiges "Book of Jobs", witzeln Apple-Beobachter.

Book of Job, so heißt auf Englisch das biblische Buch Hiob. Und in der Tat, es muss schon die Bibel herhalten, will man Vergleichbares finden zu jenem Epos, das uns Steve Jobs in den vergangenen 35 Jahren beschert hat. Alles steckt drin in der Geschichte vom wertvollsten Computerkonzern der Welt und seinem Gründer: Vertreibung aus dem gelobten Land und Rückkehr dorthin, Aufstieg und Fall und erneuter Aufstieg, Loyalität und Verrat und viele ergebene Jünger.

Doch anders als in der Bibel sind die letzten Kapitel des "Book of Jobs" noch nicht geschrieben: Wie geht es weiter mit dem - nach dem Ölgiganten Exxon - zweitwertvollsten Konzern der Welt?
Das Votum der Analysten in den letzten zwölf Monaten fällt eindeutig aus: 48 von 53 Apple-Analysten raten zum Kauf, die übrigen 5 immerhin zum Halten. All diese Experten glauben daran, dass Apple weiterhin die Massen mit revolutionären Elektrokleingeräten wie iPhone oder iPad beglücken wird. Noch nicht einmal die labile Gesundheit des Firmengründers kann die Börse nachhaltig schrecken. Steve Jobs hat bereits eine Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung und eine Lebertransplantation überstanden und musste im Januar 2011 aus gesundheitlichen Gründen die Führung der Firma schon zum dritten Mal in die Hände von Timothy Cook legen, seinem langjährigen Chief Operating Officer. Niemand weiß, ob Jobs je an die Konzernspitze zurückkehren wird.
Zu den wenigen, die nicht an ein Happy End im "Book of Jobs" glauben, zählt Tim O'Reilly. "Über kurz oder lang wird Apple in die Rolle eines Nischenanbieters zurückkehren", sagt der kalifornische Verleger, der sich als Internetprophet einen Namen gemacht hat.

Es spricht in der Tat manches dafür, dass Apples Höhenflug seinem Ende entgegengeht. Mehr noch: dass ausgerechnet jene Faktoren, die in der Vergangenheit Apples Erfolg ausmachten, allmählich zur Belastung werden:

Das rasante Umsatzwachstum der vergangenen Jahre bewirkt, dass Produkte wie das iPhone nicht mehr als Luxus-, sondern als Massenware wahrgenommen werden. Will Apple im bisherigen Tempo weiter wachsen, kann der Konzern neue Kunden nur durch niedrigere Preise locken.
Durch seine Größe und Marktmacht gerät Apple immer häufiger ins Visier von Kartellbehörden, Politikern und kritischer Öffentlichkeit: Apple droht das neue Microsoft zu werden.
Der Erfolg hat bei Apple zu einer selbstgerechten Unternehmenskultur geführt. Kunden werden bevormundet. Echte, gleichberechtigte Geschäftspartnerschaften kennt Apple nicht. Jetzt regt sich erstmals Widerstand.

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2. Teil: Kontrollwahn, Perfektionismus, Herablassung

Was es bedeutet, mit Apple Geschäfte zu machen, erfuhren früh die großen, ehemals ruhmreichen Konzerne der Musikindustrie wie EMI , Universal, Sony und Bertelsmann. Als Steve Jobs anbot, sie mit seiner Plattform iTunes vom Übel des kostenlosen Downloadens zu befreien, richteten sie sich auf Verhandlungen unter Gleichen ein. Sie würden Jobs die Musik für seine iPods besorgen und er ihnen Einnahmen verschaffen: ein fairer Deal. Doch sie irrten.

Als die Größen der Musikindustrie etwa unterschiedliche Preise für unterschiedliche Songs nehmen wollten (viel Geld für Superstars wie Madonna, wenig für unbekannte Bands), sagte Jobs schlicht Nein. "Wir zeigten ihm Marktforschungsstudien, wir argumentierten, aber das interessierte ihn alles nicht", sagt ein Topmanager, der häufig direkt mit ihm verhandelte. "Es ist ihm egal, ob sein Gesprächspartner mit dem Ergebnis klarkommt. Leben und leben lassen gibt es für ihn nicht."

Ähnliche Erfahrungen machte die Deutschen Telekom , Apples Exklusivpartner bei der Einführung des iPhones hierzulande. 1000 fast mannshohe Ständer in Form eines iPhones wollte Jobs eigens aus Cupertino nach Bonn schicken. Sie sollten 2007 in den Schaufenstern der T-Shops gut sichtbar Kunden für das neue Internethandy anlocken. iPhone-Attrappen herstellen, das können wir doch auch, dachte man sich im Vorstand der Telekom. Und schickte ein selbst gestaltetes Riesen-iPhone zur Begutachtung nach Kalifornien.

"This is not approved": Jobs verweigerte die Genehmigung persönlich.

Er störte sich an einer Einkerbung unten, die die pragmatischen Deutschen eingebaut hatten, damit man unter dem Ständer bei Nässe und Schnee ordentlich hätte putzen können. Erst nachdem die Bonner das Loch mit einer abnehmbaren Aluminiumplatte verdeckt hatten, erhielten sie schließlich die Erlaubnis, selbst iPhone-Attrappen zu bauen - für ihre eigenen Telekom-Läden, wohlgemerkt. "Er zögert nicht, dich wissen zu lassen, dass du dämlich bist", lautet nach der Erfahrung das Fazit bei der Telekom.

"Ihr Typen, ihr seid furchtbar"

Über ein Jahr lang musste die Telekom bei Jobs um die exklusive Vermarktung des iPhones in Deutschland buhlen - ohne dass auch nur ein deutscher Manager einen Prototyp des Geräts zu Gesicht bekommen hätte. Erst wenige Wochen bevor das erste Apple-Telefon in den USA auf den Markt kam, zog Jobs bei einer Besprechung mit einem Telekom-Vorstand ein iPhone aus der Hosentasche. Die Vertragsbedingungen diktierte allein Jobs: 30 Prozent vom gesamten Mobilfunkumsatz der iPhone-Kunden für Apple, die Werbung fürs iPhone habe die Deutsche Telekom zu zahlen. Ferner solle die Telekom doch bitte ihre T-Shops auf Vordermann bringen.

Am letzten Punkt wäre der Deal fast noch gescheitert: Nach dem Besuch eines T-Shops in London war Jobs nicht mehr zu halten: "Ihr Typen, ihr seid furchtbar. Ihr habt mich angelogen", beschimpfte er den Telekom-Vorstand angesichts der vielen Handyattrappen und Geräte mit leerer Batterie, die den Laden füllten. Die Bonner gelobten, nur echte, startbereite iPhones zu führen. Gewissheit, ob Apple tatsächlich die Telekom zum Zug kommen lassen würde, erhielten sie trotz allem nicht: Selbst drei Wochen vor der großen iPhone-Launch-Party der Telekom hatte Jobs noch kein definitives Go gegeben.

Immerhin, der Telekom erging es nicht ganz so schlimm wie Samsung . Den Koreanern half es nicht, dass sie einer der wichtigsten Chiplieferanten von Apple sind. Jobs verklagte sie wegen angeblicher Patentverletzungen beim Samsung-Rechner Galaxy.

Kontrollwahn, Perfektionismus, Herablassung - all das gehört zu Jobs wie der angebissene Apfel auf den Mac-Computern. Bereits in der zehnten Klasse soll er seiner damaligen Freundin erzählt haben, er würde mal Millionär. Mit 23 Jahren ist er es tatsächlich. Jobs hatte 1976 zusammen mit seinem Weggefährten Steve Wozniak in der Garage von Jobs' Adoptiveltern den ersten PC für den Massenmarkt entwickelt. Wozniak, der eigentliche Erfinder, blieb im Hintergrund. Jobs, der Verkäufer, stieg auf zum ersten Rockstar der IT-Welt.

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3. Teil: Die Jobs-Diktatur und die Helden-Trottel-Achterbahn

Dreieinhalb Dekaden später surrt Apple-Mitgründer Wozniak auf einem Segway-Roller durch die Lobby des Frankfurter "Marriott"-Hotels und lässt dann seine beachtliche Leibesfülle in einen der Lobbysessel plumpsen. Wozniak sagt noch immer "wir", wenn er von jenem Unternehmen spricht, aus dem er bereits 1985 ausschied. Kurz nachdem er erfahren hatte, dass Jobs für das erste gemeinsame Projekt der beiden, ein Spiel für das Computerunternehmen Atari, 5000 Dollar erhalten hatte. Jobs hatte Wozniak von 700 Dollar erzählt, die er scheinbar fair mit seinem Freund teilte.

Gelegentlich telefonieren die beiden Steves noch miteinander. Doch von der Freundschaft ist nicht viel geblieben. Ein Apple-Entwickler, der Wozniak einen iPad-Computer noch vor dem Marktstart gezeigt hatte, wurde anschließend entlassen. "Ich habe mit den Fingern zwei Minuten über das Gerät gestrichen. Das ist es nicht wert, jemanden zu feuern", befindet Wozniak.

Auch Steve Jobs musste sein Unternehmen schon einmal verlassen. Er hatte den Pepsi-Manager John Sculley als Co-Chef nach Cupertino gelockt. 1985 entmachtete Sculley Jobs. Erst 1997, als Apple vor der Pleite stand, kehrte Jobs zurück. "Seit dieser Erfahrung ist Steve Jobs erwachsen geworden. Er hat jetzt die komplette Kontrolle", sagt Jay Elliot, einst Jobs' Stellvertreter im Vorstand.

Die zweite Erfolgsgeschichte von Steve Jobs, der Wiederaufstieg des Apfels vom Verliererlogo zur wertvollsten Marke der Welt, fußt auf einem im globalen Wirtschaftsleben wohl beispiellosen Zentralismus: Sofern er nicht gerade eine krankheitsbedingte Auszeit nimmt, entscheidet Jobs bei Apple buchstäblich über alles, angefangen beim tofulastigen Kantinenspeiseplan bis hin zum richtigen Grauton der Toilettentüren in den Apple-Stores. "Apple ist ein totalitäres System, eine Diktatur", sagt etwa Andrew Borovsky, ein ehemaliger Apple-Designer, der heute mit seiner Agentur 80/20 viele Apple-Rivalen berät.

Das berüchtigte Montagsmeeting

Zur Jobs-Diktatur gehört, dass Manager mit Verantwortung für übergreifende Geschäftsbereiche nicht erwünscht sind. So hat etwa die für den Online-Handel zuständige Jennifer Bailey keine Kontrolle über die Fotos auf der Apple-Internetseite - diese Verantwortung obliegt allein der Grafikabteilung.

Zentrales Führungsinstrument bei Apple ist das Montagsmeeting, in dem sich Jobs und seine 15 engsten Mitarbeiter über den Status jedes einzelnen Projekts im Konzern informieren lassen.

Rund 30-mal, schätzt ein Ehemaliger, mussten Designer mit Entwürfen vor Jobs antreten, bis endlich über das neue Bildschirmsymbol für die Präsentationssoftware Keynote entschieden wurde. Präsentationen, in denen rund hundert Logovarianten durchgespielt wurden: Ein Rednerpult aus Glas? Eines aus Aluminium, aus Holz, mit einem weißen Blatt Papier darauf, mit einem karierten Blatt Papier, mit mehreren weißen Papieren? Am Ende wählte Jobs ein hölzernes Pult mit einem Stativ aus Metall.

Jedes Meeting bietet selbst nachgeordneten Apple-Managern Gelegenheit für eine Gratisfahrt auf der "Helden-Arschloch-Achterbahn", wie sie Jobs' Führungsstil im Silicon Valley nennen: Man könne von Jobs heute zum Genie emporgehoben und morgen als "bozo", als Volltrottel, vom Hof gejagt werden.

Jobs' Wille zum Detail, seine straffe Kontrolle des fast 50.000 Mitarbeiter zählenden Apple-Imperiums haben sich zweifelsohne geschäftlich ausgezahlt: Erst iMac, dann iPod, schließlich iPhone und zuletzt iPad haben ihre jeweiligen Branchen komplett umgewälzt. Auch deshalb, weil die von Jobs geknuteten Entwickler bei diesen Produkten niemals den erstbesten Weg genommen haben, sondern an jedem Detail bis zur Perfektion feilen mussten. Qualität kommt bei Apple tatsächlich von Qual.

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4. Teil: Wer Fehler macht, fliegt raus

"Jobs ist ein typischer charismatischer Führer", sagt Wolfgang Jenewein, Managementprofessor an der Universität St. Gallen. "Er lenkt Menschen, indem er sie für seine Sache begeistert." Doch anders als die meisten charismatischen Führer komme bei Jobs auch noch die Fähigkeit hinzu, in klaren Strukturen zu denken und zu handeln.

Jenewein ordnet Apple als "High Contrast Culture" ein. Sondereinsatzkommandos wie die GSG 9 funktionieren nach diesem Muster. Typisches Merkmal: "Ein hohes Maß an emotionaler Bindung innerhalb des Unternehmens geht einher mit straffer Führung und strikter Durchsetzung von Regeln." Wer Fehler macht, fliegt raus. Oder er geht selbst.

Tatsächlich erlebt Apple derzeit einen Talenteschwund, wie es ihn wohl seit der Beinahepleite Mitte der 90er Jahre nicht mehr gegeben hat. Die rasante Entwicklung der Aktie hat unzählige Ingenieure wohlhabend gemacht, ermöglicht ihnen jetzt die Gründung eines eigenen Unternehmens. Zugleich verliert Apple als Arbeitgeber bei High Potentials an Attraktivität: "Meine Studenten lieben Apple-Produkte, aber dort arbeiten will kaum jemand", sagt Konstantin Guericke, Gründer des Online-Netzwerks LinkedIn und Mentor an der Eliteuniversität Stanford. Die derzeit begehrtesten Arbeitgeber seiner Studenten seien eindeutig soziale Netzwerke wie Facebook. "Apple gilt bei ihnen als zu sehr top-down", sagt Guericke.

Auch bei Geschäftspartnern stößt Jobs' Brachialstil zunehmend auf Widerstand. Nach Telekommunikation und Musikgeschäft versuchte Jobs in den vergangenen Monaten die Verlagsbranche in seinen Herrschaftsbereich einzubringen - und ist vorerst gescheitert.

Jobs will nicht mitverdienen - er will kontrollieren

Dabei sah alles nach einem glatten Durchmarsch aus: Der 2010 gelaunchte Tablet-Rechner iPad bietet mit dem dazugehörigen App-Store Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen erstmals die Möglichkeit, im Internet nennenswerte Vertriebserlöse für ihre Inhalte zu erzielen. Kein Wunder, dass Verlagsmanager wie Mathias Döpfner, Vorstandschef von Axel Springer, begeistert auf Apples neue Plattform aufsprangen. Inzwischen sieht Döpfner die Sache freilich differenzierter (siehe Interview). Denn es zeigte sich: Jobs möchte nicht nur mitverdienen am Online-Geschäft mit Medieninhalten, er möchte es kontrollieren.

Als einer der Ersten bekam der Burda-Verlag diesen Machtanspruch zu spüren, Herausgeber der deutschen Ausgabe des "Playboy". Burda schickte am 24. März 2010 eine App nach Cupertino, um sie in den Apple-Store einstellen zu lassen. Es handelte sich um einen interaktiven Videoclip, in dem ein für Playboy-Verhältnisse durchaus züchtig bekleidetes Model den Zuschauer durch ihre Wohnung führt. Doch am 12. April erhielt Burda per Mail eine Standardabsage des "App Review Team": Die Playboy-App enthalte Inhalte, die "nach Auffassung des Apple-Teams umstritten" seien. Wobei umstritten bei Apple definiert sei als "obszön, pornografisch oder verleumderisch".

Inzwischen steht der Playboy für eine ganze Reihe von Medienprodukten, die per Standard-Mail aus dem Apple-Store verbannt wurden.

Im Februar 2011 zog Apple die Daumenschrauben noch weiter an. Aus einer Pressemitteilung erfuhren die Verlage, dass ab 30. Juni geänderte Bedingungen gelten sollten: Von da an wollte Apple den Verlagen verbieten, digitale Abonnements auf anderen Websites billiger anzubieten als bei Apple. Außerdem sollten die Abonnements für das iPad nur noch über das Apple-Zahlungssystem abgewickelt werden dürfen - selbst wenn der Kunde das Abonnement zum Beispiel direkt auf der Website des Verlags erwirbt. Das hätte zur Folge, dass die Kundendaten für nahezu alle neu abgeschlossenen digitalen Zeitschriftenabonnements künftig bei Apple lägen. Die Medienhäuser wären auf Gedeih und Verderb an Apple gefesselt.

Doch wie wehrt man sich gegen einen Quasimonopolisten (Apple hält immerhin noch 80 Prozent Marktanteil am Tablet-Geschäft), der erst kühl seine Bedingungen diktiert und sich dann jeder Auseinandersetzung entzieht?

Man schreibt am besten einen Brief.

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5. Teil: Android greift Apple an - die Dominanz bröckelt

Am 24. Februar schickte Wolfgang Fürstner, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), das erste Protestschreiben nach Cupertino, Adressat: Eddy Cue, Apples Abteilungsleiter für Internetdienste. Reaktion: keine.

Dann versuchte sich Bernd Buchholz, Vorstandschef von Gruner + Jahr ("I am writiting to you as the CEO of Gruner + Jahr, one of Europe's largest magazine publishers"). Reaktion: keine.

In einer Telefonkonferenz deutscher Verlagsmanager Ende Mai wurde bereits als Erfolg gefeiert, dass es Springer-Chef Mathias Döpfner tatsächlich geschafft habe, in den USA "am Rande einer Veranstaltung" mit Eddy Cue zu sprechen. Ergebnis, man ahnt es: keines.

Doch gleichzeitig lief ein globales Ausweichmanöver an: Ebenso energiegeladen, wie sich die Verlage auf den vermeintlichen Rettungsring iPad gestürzt hatten, hielten sie nun Ausschau nach Alternativen. Apples großer Konkurrent heißt hier Google . Es kommen immer mehr Tablet-Rechner auf den Markt, die auf dem googleeigenen Betriebssystem Android basieren. Zugleich umgarnt Google die Medienhäuser mit Vorzugsbedingungen: Vertriebsprovision ab 10 Prozent, keinerlei inhaltliche Kontrolle.

Mit HTML5, einer Neuauflage der gängigen Internet-Programmiersprache HTML, können Verlage zudem inzwischen Medien-Apps programmieren, die auf jeder Plattform funktionieren und sich von den Tablet-Herstellern nicht aussperren lassen: Sie werden wie normale Internetseiten in einem Browserfenster aufgerufen. Der US-"Playboy" hat bereits mit einer HTML5-App die Apple-Zensoren umgangen. Schwerer wog indes, dass Anfang Juni die britische "Financial Times" mit einer HTML5-App auf den Markt kam. Auch die großen deutschen Verlagshäuser arbeiten außer an Android- inzwischen auch an HTML5-Varianten ihrer Produkte.

Für Apple sind das keine guten Nachrichten: Schließlich gibt es bereits mehr Android-Handys als iPhones. Eine ähnliche Entwicklung erwarten Analysten auch für den Tablet-Markt (siehe Grafiken). Apples Dominanz bröckelt gewaltig.

Anfang Juni, wenige Tage vor Fristende, knickte Cupertino plötzlich in entscheidenden Punkten ein: Die Verlage dürfen nun die Preise für Abonnements weitgehend frei wählen. Und für Abonnements, die nicht über die Apple-Site abgeschlossen werden, dürfen sie weiterhin eigene Zahlsysteme nutzen; so behalten sie den Zugriff auf die Kundendaten.
Sicher, Apples Zensuranspruch bleibt bestehen. Und doch dürfte die Pokerpartie als Wendepunkt in Apples Firmengeschichte eingehen: Zum ersten Mal konnte Apple einer Branche, die von der digitalen Revolution überrollt zu werden drohte, nicht nach Belieben die Geschäftsbedingungen diktieren.

Letztlich geht es in der Auseinandersetzung zwischen Apple und dem Rest der Welt um zwei konträre Internetphilosophien: Apple möchte den Nutzer in seinem eigenen, geschlossenen Kosmos halten, möchte ihm erst iPhone, dann iPad verkaufen und schließlich im Apple-Shop die von Apple abgesegnete digitale Dienstleistung dazu. Dem Kunden bietet sich so eine optimale Nutzererfahrung, Hard- und Software greifen reibungslos ineinander - und Jobs kassiert. Doch zugleich wird der Nutzer von Jobs entmündigt, technisch wie inhaltlich. Apples Hauptkonkurrent Google steht hingegen für ein anarchisches, offenes Netz.

Hält Jobs zu lange an seiner lukrativen und schön designten geschlossenen Welt fest und bemerkt nicht, dass die Alternativen jenseits des Zauns für Nutzer immer verlockender werden? Am 6. Juni sah es im Moscone-Konferenzzentrum in San Francisco ganz danach aus.

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6. Teil: Apples Image ist befleckt

"I feel good": Der James-Brown-Hit, dröhnt über die Köpfe der 5000 angereisten Entwickler hinweg. Ein sichtlich abgemagerter Steve Jobs betritt die Bühne der diesjährigen Apple-Entwicklerkonferenz. "We love you", brüllt einer der Apple-Jünger dem Meister entgegen.

Die große Steve-Jobs-Show funktioniert noch. Doch inhaltlich war der Auftritt nach dem Urteil der Branchenexperten eine Enttäuschung. Apple tut sich schwer mit dem neuesten IT-Trend: der Verlagerung der privaten Festplatte in die Cloud, die virtuelle Datenwolke, aus der heraus sich Lieder, Dokumente oder Bilder von jedem Gerät aus reibungslos abrufen lassen sollen. Der sonst für seine Vorreiterrolle bekannte Konzern ist mit dem von Jobs verkündeten iCloud-Dienst nur Nachzügler, so richtig reibungslos funktioniert der Dienst auch nur auf Apple-Geräten.

Jobs will mit besserer Bedienbarkeit, vor allem aber mit Kostenlos- und Kampfpreisangeboten gegen die Vorreiter Amazon und Google punkten. Billigheimer Apple - das gab es in der Firmengeschichte noch nie.

Auch einen Streaming-Dienst, bei dem der Nutzer Lieder gar nicht selbst besitzen oder herunterladen muss, sondern lediglich etwa per Flatrate mietet, konnte der Apple-Chef nicht anbieten. Ausgerechnet Facebook, Investorenliebling und die neue Macht im Silicon Valley, ist dabei, dieses Territorium zu erobern. Die Branche erwartet, dass Gründer Mark Zuckerberg für seine 700 Millionen Nutzer demnächst eine Kooperation mit Spotify, dem aufstrebenden Streaming-Dienst, eingeht. In vielen Märkten, in denen Spotify bereits verfügbar ist, hat das Start-up iTunes hinter sich gelassen.

Den Großteil der Präsentation überließ Jobs diesmal Marketingleiter Phil Schiller und Softwarechef Scott Forstall. Die Botschaft: Apple ist auch für die Zeit ohne Jobs an der Spitze gewappnet. Größte Chancen auf den CEO-Posten werden Chief Operating Officer Timothy Cook eingeräumt.

Wer immer Jobs nachfolgt, er wird ein problematisches Erbe antreten - trotz milliardenschwerer Barreserven in der Kriegskasse.

Seit Jahren gehen die Investitionen in Forschung und Entwicklung in Relation zum Umsatz zurück (siehe Grafik). Der Konzern spart an seiner Zukunftsfähigkeit. Das bisherige Wachstum wird sich so nicht fortführen lassen.

Arbeitsbedingungen bei Foxconn und Bewegungsprofile schaden dem Image

Bereits jetzt stößt Apple mit seinen Geräten in den Massenmarkt vor. "Die Mehrheit wird langfristig angesichts der erstarkenden Konkurrenz nicht bereit sein, nur für einzigartiges Design und einfache Nutzung einen signifikanten Preisaufschlag zu bezahlen", urteilt Ekkehard Stadie, Partner bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. Apples Preispremium von bis zu 100 Prozent sei "nicht haltbar". Zumal die Kunden kritischer werden.

Apples Image vom umbeschwerten Lifestyle-Konzern ist befleckt, seit bekannt wurde, dass die Firma Bewegungsprofile ihrer Nutzer aufgezeichnet hat. Und die verheerenden Arbeitsbedingungen bei Foxconn, Apples wichtigstem Fertiger in China, haben Apples Ruf nicht nur bei Globalisierungskritikern ruiniert.

Dazu passt, dass Jobs mit einer US-Tradition bricht: Wer hat, der gibt. Ausgerechnet der wertvollste Informationstechnik-Konzern hält sich aber in Sachen Wohltätigkeit zurück. "Das hat etwas mit Steve Jobs' Persönlichkeit zu tun. Er glaubt, der Gesellschaft bereits mit seinen Produkten etwas zurückzugeben", kritisiert der ehemalige Apple-Vorstand Jay Elliot.

Probleme mit der geschlossenen Apple-Welt

Apples Marktmacht ruft in den USA zudem immer häufiger die Wettbewerbsbehörden auf den Plan. Je größer Apple wird, desto schwerer fällt es dem Konzern im Hinblick auf das Kartellrecht, seine Nutzer in einer geschlossenen Welt einzusperren.

Apple dürfte das ganz normale Schicksal der meisten Konzerne bevorstehen, die einst als Nabel der Tech-Welt galten: Sie erleben ein, zwei großartige Dekaden, die meist mit dem Wirken einer charismatischen Führungsfigur zusammenfallen. Doch auf Technologieführerschaft, rasantes Wachstum folgen Arroganz und Überheblichkeit - und schließlich Jahre der Agonie.

Umsätze und Gewinne mögen in dieser Phase noch immer stabil sein, doch wegen der Wachstumsaussichten kauft heute niemand mehr die Aktien von Microsoft oder Dell, die einst in ihrer Branche als unbesiegbar galten. Allenfalls lockt noch die Dividendenrendite.

"Innerhalb der IT-Branche können sich die Dinge sehr schnell ändern. Es wird keine Monopole geben, und schon gar nicht solche von Dauer", sagt Léo Apotheker, Chef des weltweit größten IT-Konzerns, Hewlett-Packard . Und setzt nach: "Heute ist Apple obenauf, aber in ein paar Jahren kann das ganz anders sein."

Falls Apple-Chronist Joel Podolny also noch nach einem abgewandelten Bibelwort für sein neues "Book of Jobs" suchen sollte, wie wäre es mit diesem: "Die Blüte unseres Unternehmens währet 10 Jahre und wenn es hochkommt, so sind's 20 Jahre; und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Innovation und Wachstum gewesen."


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#2 Apple & die Zusammenarbeit mit Foxconn von computer11 06.10.2011 10:32

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"No more iSlave" oder auf deutsch "Nicht mehr iSklave"
Was ist Sklaverei?

Zitat
Sklaverei ist der Zustand, in dem Menschen als Eigentum anderer behandelt werden.


*Quelle*

Kommen wir nun zum eigentlichen Artikel ...

Zitat
Die Arbeitsbedingungen bei Apples Zulieferern waren mies, Apple versprach Besserung. Einem neuen Bericht zufolge aber hat sich daran bisher nicht viel geändert.
Der neue Apple-Chef Tim Cook präsentierte am Dienstag nicht nur ein neues iPhone, sondern auch die neuen Läden des Konzerns in China. 100.000 Menschen seien am Eröffnungstag in Shanghai erschienen, sagte Cook und führte Fotos und Filme von glücklichen Käufern vor. Was er nicht zeigte: Bei der Eröffnung in Hongkong vor wenigen Tagen kamen nicht nur Fans, sondern auch viele Kritiker.

"No more iSlave" stand auf den Plakaten, mit denen die Initiative Students and Scholars Against Corporate Misbehavior (Sacom) in Hongkong gegen die Bedingungen in den Produktionsstätten demonstrierte, in denen auch Apple seine Geräte zusammenschrauben lässt. Gleichzeitig veröffentlichte die Initiative ein Papier über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn, dem wichtigsten Hersteller der Apple-Hardware.

Immer wieder gibt es solche Berichte aus Chinas Elektronikbranche, immer wieder gibt es Meldungen über Vergiftungen, Selbstmorde, Hungerlöhne und grundsätzlich unwürdige Behandlung von Angestellten. Vor allem ein Unternehmen wird dabei genannt: Foxconn.

Die taiwanische Firma ist der weltweit größte Auftragsfertiger von Elektronik. Ob Nokia, Sony, Dell oder eben Apple - sie alle lassen in den chinesischen Fabriken von Foxconn ihre Produkte zusammenbauen. Ohne Foxconn könnte Apple nicht so enorme Gewinne machen, sagen Analysten.

Anfang des Jahres war daher Apple-Chef Cook persönlich nach China gereist, um sich die Fabriken in Shenzen anzusehen. Mehrfach hat Apple außerdem beteuert, man fühle sich verpflichtet, für "sichere" Arbeitsbedingungen zu sorgen und dafür, dass die Beschäftigten mit Respekt behandelt würden.

Der nun von Sacom veröffentlichte Bericht lässt den Schluss zu, dass der Konzern damit nicht sehr weit gekommen ist, beziehungsweise dass sich längst bekannte Probleme wiederholen. Die Fabriken in Shenzen, die Cook besuchte, werden darin nicht erwähnt. Doch nach einer Selbstmordserie dort verlegte Foxconn auch einen großen Teil seiner Produktion innerhalb kurzer Zeit nach Chengdu in die chinesische Provinz Sichuan.

In dem Bericht von Sacom nun geht es um eine Tochtergesellschaft von Foxconn, um die Futaihua Precision Electronics Company in Zhengzhou in der Provinz Henan. Auch dort lässt Apple fertigen, vor allem iPhones. Die Berichte der Arbeiter gleichen denen von anderen Standorten.

Von Zehn-Stunden-Schichten ohne die zugesagten Pausen ist die Rede, von militärischem Ton und Drill, von unbezahlten Überstunden in enormer Höhe, von Umgang mit Chemikalien ohne Schutzvorrichtungen, von brüllenden und drohenden Aufsehern und von unwürdigen Wohnquartieren ohne Strom und Wasser für die Zehntausenden Wanderarbeiter.

Dabei wiederholt sich vor allem ein Muster: die Produktionsvorgaben sind um jeden Preis zu erfüllen. Der Druck auf die Arbeiter, die keine Alternative haben und sich aus Not der Willkür der Firmen ausliefern, ist groß. "Wenn Du bei Foxconn verdienen willst, musst Du Dein Leben geben. Sie behandeln uns wie Roboter", zitiert die ZDF-Sendung Frontal21 eine Arbeiterin.

Auch wenn nicht nur Apple bei Foxconn fertigen lässt, ist der Konzern das Hauptziel der Kritik. Denn Apple weist einerseits enorme Gewinne aus und hat andererseits ein Firmenimage von Perfektion und Sauberkeit entworfen, das in erheblichem Kontrast zu solchen Berichten steht. Frontal21 rechnet vor, dass Apple auch dann noch 50 Prozent Gewinn an jedem iPhone machen würde, wenn das Unternehmen den Arbeitern zehnfach höhere Löhne zahlte.

Apple selbst äußert sich nur selten zu solchen Vorwürfen. Im Zweifel verweist der Konzern auf seinen "Supplier Responsibility Report". In dem steht unter anderem, die Apple-Zulieferer müssten Quartalsberichte über die Arbeitsbedingungen verfassen. Darin sollten Statistiken über "geleistete Überstunden, Ausbildungsprogramme, Verletzungen, Lebensbedingungen, Beschwerden und Mitarbeiterfluktuation" enthalten sein. Außerdem heißt es in dem Bericht, diese Sozialfaktoren seien ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung, ob man mit einem Zulieferer zusammenarbeite - neben den Punkten "Qualität, Kosten und pünktliche Lieferung".


*Quelle*

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